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Trotzdem! 
von Martin Günter  

Schon lange Zeit begleitet mich ein Gedicht von Erich Fried *:

Es ist Unsinn sagt die Vernunft
Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist Unglück sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst
Es ist aussichtslos sagt die Einsicht
Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist lächerlich sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich sagt die Erfahrung
Es ist was es ist sagt die Liebe 

Ja, „es ist was es ist“ – trotz all der Warnungen, trotz der vielen Gründe, die objektiv gegen das Wagnis der Liebe sprechen. Wir Menschen kennen die Bedenken, und doch lieben wir immer wieder – trotzdem! Die Macht der Liebe ergreift uns; wo sie wirkt, ist sie stärker… Bis heute hat die Menschheit nicht aufgehört zu lieben, Gott sei Dank!

Ganz ähnlich verhält es sich für mich mit dem Glauben: Nicht umsonst ist die Liebe der innerste Kern biblischen Glaubens, ebenso wie der Glaube ein lebendiges Beziehungsgeschehen ist - zwischen Gott und Mensch. Auch im Blick auf den Glauben gibt es natürlich genügend Argumente, die dagegen sprechen: Die rational-psychologischen Erklärungsversuche, warum Menschen es tun; und natürlich das unerträgliche Leid in dieser Welt, die Katastrophen, Krankheiten und Enttäuschungen, die uns heimsuchen, Gewalt und Ungerechtigkeiten,  Zweifel und all die bitteren Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen…

Und doch: „Es ist was es ist“ sagt der Glaube…Wie oft erlebe ich Menschen, die sich von allem Leid und aller Schwere nicht ganz gefangen nehmen lassen, die trotzdem glauben lieben und hoffen, über das scheinbar so Offensichtliche hinaus: Trotzdem!! Menschen, die sich trotz allem immer wieder neu Gott anvertrauen und darin Halt, Kraft und Mut finden für den nächsten Schritt, für ihren weiteren Weg! Wie oft habe ich selbst schon erfahren, dass es eine letztlich unerklärliche Hoffnung gibt, die weiter reicht: eine Hoffnung, die trägt und hält, die uns das Bestehende nicht einfach hinnehmen lässt, die uns verwandelt, antreibt und wieder neu handlungsfähig macht – eine Hoffnung, die größer ist als all die ihr entgegenstehenden Begrenzungen….

Möge es uns immer wieder geschenkt sein, im Herzen lieben und glauben zu können – trotzdem!!

 
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Pastoralreferent Martin Günter (kath.)

 

 

 

* Quelle: Erich Fried, Es ist was es ist, Wagenbach Verlag 1996.