Wann ist genug genug? 
von Dr. Dieter Eckmann 

Die Neujahrswünsche sind noch nicht verhallt. „Ein erfolgreiches neues Jahr“, so lauteten unlängst viele Kartenwünsche, auch von Vorständen und Professoren der Kliniken. Was sie wohl mit „erfolgreich“ meinen?

Manchmal ist es mir, als ob stetes Wachstum, steigende Zahlen der alleinige Weg aus der Krise zu sein scheinen. Überall, in der Wirtschaft, bei der Arbeit, im privaten Bereich, selbst im Krankenhaus wird dies mantrenhaft wiederholt. Überall scheint es nicht zu reichen…

Wie wohltuend ist für mich eine Geschichte von Susanne Niemeyer, die wach macht, wahrzunehmen, wo ich selber zu sehr vom „Es reicht nicht“-Modus ausgehe, so denke, fühle und daraus handle. Freilich: Eine Geschichte ist nicht passend für jede Lebenssituation. Manchmal haben Menschen tatsächlich nicht genug zum Leben. Gerade das begonnene Jahr lädt ein zu überprüfen, ob nicht in manchen Fällen auch wahr oder sogar noch wahrer ist, zu sagen: „Es ist genug“, „Es ist genug da, es reicht“.

 „Es ist genug“, sagt dieser Kerl, der seit Tagen auf meiner Fensterbank sitzt und behauptet, er sei ein Engel. „Es ist genug“, sagt er und nickt mir aufmunternd zu. Ich weiß nicht, woher er das weiß. Aber er sagt es zu allem: zu einem Text, mit dem ich hadere, zu einem Geburtstagsbüffet, das nicht reichen könnte. Zu meinem Kontostand. Zu meiner Sorge, keinen Schlaf zu bekommen und unausstehlich zu sein. Zu all den halbfertigen Sachen, dem bisschen Klavierspiel, den sporadischen Gebeten in der Nacht. Er sagt es zu meinem regelmäßig auftauchenden schlechten Gewissen. Zu meiner bangen Frage, ob ich nicht hätte alles ganz anders machen sollen. „Es ist genug.“ Das Merkwürdige ist, immer passt dieser Satz. Wollte ich ihn anfangs noch anfahren, dass er das doch gar nicht wissen könne, wurde ich mit der Zeit immer ruhiger, ja, ich erwarte seine helle Stimme. „Es ist genug“. Und eines Morgens antworte ich, selbstvergessen und ohne nachzudenken sage ich „Amen“. So soll es sein.

(Susanne Niemeyer, Engelsgeschichten aus der Bibel, Kindle Edition Ausgabe 2018, Vorwort). 

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Dr. Dieter Eckmann (kathol.)