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Adventslied
von Friederike Bräuchle

Dezembertage sind die kürzesten im Jahr und die Nächte damit die längsten. Die Natur hat alles abgeworfen, was den frostigen Tagen nicht standhält. Zurück bleiben in meinem Garten ein paar wenige grüne Blätter an den Rosen, verblasste Hortensienblüten, ergrautes Gras und kahle Zweige, die in den Himmel ragen. Es ist unübersehbar: der Sommer ist vergangen, die langen Wintermonate haben begonnen. Die Natur erinnert uns an unsere eigene Vergänglichkeit, dass auch wir wieder zu Erde werden müssen. Im November haben wir den Volkstrauertag und den Totensonntag begangen und unserer Verstorbenen gedacht.

In diese traurige, auf Abschied gestimmte Melodie aber mischen sich mit dem Advent andere Töne, entzünden gleichsam eine Kerze in der Dunkelheit.  Das folgende Adventslied* aus unseren Tagen lockt uns, neuem Leben den Weg zu ebnen. Dieses aber will wahr-genommen werden, sonst bleibt es verborgen.

In kalter Zeit der Wärme trauen, in Dunkelheit das Frührot schauen,
am toten Zweig, die Blüte ahnen, im Dickicht Wege, die sich bahnen.
Sehnsucht, nach dem ganz anderen. Warten auf das, was kommt!

Trotz Fremdheit nun zusammenrücken, die Gräben sorgsam überbrücken;
für Wunden Zeit ganz auszuheilen, Unsagbares doch mitzuteilen.

Das Harte in sich abzulegen, aus Stillstand neu sich zu bewegen,
mit Durstigen nach Quellen spähen, das Saatkorn Hoffnung stetig säen.

Vor Wahrheit nicht die Augen schließen, trotz Tränen das, was glückt, genießen,
in Dunkelheit das Frührot schauen, in kalter Zeit der Wärme trauen.

Zum einen gilt es, nach dem draußen Verborgenen Ausschau zu halten, das Frührot schon vor dem Morgen erahnen und die Knospen an den kahlen Zweigen. Sehnsucht spüren, dass es anders wird, dass Krankheit, Sterben und Kummer einmal nicht mehr sein werden. Eine Zeit erwarten, in der Menschen einander nicht mehr Gewalt antun und Völker einander nicht mehr bekriegen, eine Zeit, in der nicht mehr Plastikmüll die Meere verseucht und die Luft frisch ist zum Atmen.

Zum anderen will das kommende neue Leben aber auch in mir Altes verwandeln, hart Gewordenes erweichen, Bitterkeit lösen. Damit das geschehen kann, muss ich mich bewegen, den Rückzug beenden und mich dem anderen wieder öffnen, mit dem mir Fremden das Gespräch suchen. „Das Saatkorn Hoffnung“, soll es eine Chance haben aufzugehen, bedarf der Zuwendung, dass man nach ihm schaut, will genährt und begossen werden.

Und zum Dritten, selbst wenn man krank ist und/oder traurig, sehen, was glückt, und es dankbar genießen, sich beschenkt sehen von dem, der Mensch geworden ist, um das neue Leben vorzuleben und uns dazu anzustiften.

 

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Pfarrerin
Friederike Bräuchle (evang.)

 

 

 

* Quelle (abgerufen 27.11.2018): https://www.dehm-verlag.de/shop/info/notenbeispiel/Notenbeispiel-In-kalter-Zeit.pdf