Foto: Friedemann Bresch
Schöne Scherben
von Friedemann Bresch

Dieses Mosaik hängt seit einiger Zeit im Andachtsraum der Psychiatrie. Es zeigt eine leuchtend gelbe Sonne auf blauem Hintergrund. In der Mitte ist mit Rot sehr vorsichtig ein Kreuz angedeutet.

Man kann es als Osterbild verstehen. Da ist zwar noch die Erinnerung an das Kreuz, an all die Verletzungen, die Schmerzen, die Angst, die Ohnmacht und die Verzweiflung. Blutrot in der Mitte mit spitzen Enden wie Dornen. Aber das Kreuz ist quasi neu eingefasst in die Sonnenscheibe.                  

Es bedroht uns nicht mehr. Und so bekommt es einen neuen Rahmen und eine neue Bedeutung. Aus dem Todessymbol wird die Mitte eines hellen und hoffnungsvollen Bildes und das blutige Rot wird zur interessanten Ergänzung von Blau und Gelb.

Für das Mosaik wurden eingefärbte Scherben auf eine Acrylscheibe aufgeklebt und mit Gips verfugt. So entstand aus scheinbar wertlosen Scherben ein schönes Bild. Es ist die Arbeit einer Frau, in deren Leben vieles zerbrochen war. Auch der Glaube war fragwürdig geworden. Aber durch Therapie fand sie einen Weg, die Scherben aufzusammeln und zu einem neuen Bild zu ordnen. Sie schreibt dazu:

 „Das Thema ist: umbenennen, neu bewerten. Die Psychologie sagt dazu "Reframing"… Sichtweisen und Bewertungen sind nicht fix, man kann sie ändern.
Scherben bleiben Scherben. Und auch die Trauer über das Zerbrochene bleibt. Der übliche Weg ist, die Scherben traurig und wütend wegzuwerfen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sie trotz der Trauer unbefangen anzusehen, neu zu bewerten und etwas Neues daraus zu machen.
Wir können vieles in unserem Leben nicht ändern, schon gar nicht rückwirkend. Aber wir können manches neu ansehen, neu bewerten, in einen neuen Zusammenhang stellen. Das können kleine Dinge sein. Meine Erfahrung ist, dass mein Leben dadurch freier geworden ist, gelassener und liebevoller mir selbst gegenüber.“

Ganz ähnlich formuliert es die Dichterin Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Glasscherben“:

Was der Wind verwirft
Glasscherben
sammle ich
setz sie zusammen
 
zu vielfachem Spiegel
der Sonne
dem Regenbogen
zum Ruhm

Eine neue Sichtweise finden, einen neuen Rahmen, in dem das Erlebte sich zu einem schönen Bild ordnet, das ist das Geheimnis bei der Bewältigung von Krisen. Im Glauben an Gott kann ich einen solchen Rahmen finden. Ich kann einmal alles Erlebte in den Rahmen seiner Liebe stellen und durch die Kräfte der Hoffnung und des Vertrauens sich neu ordnen lassen. Ich kann mein Schicksal einzeichnen in das Schicksal von Menschen der Bibel oder in dasjenige von Jesus. Vielleicht bekommt es dann eine neue Bedeutung. Ich kann aus meinem Leben einen Spiegel machen für das Leben, das von Gott kommt. Vielleicht fängt es dann an zu leuchten. 

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Pfarrer
Friedemann Bresch (evang.)