Anja Schoba, Rocky Mountains, Kanada
Gleichzeitig 
von Carola Längle
 
„Ich bin multi-tasking-fähig!“ So höre ich manche Frau, manchen Mann voller Stolz sagen. Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, dass ist in manchen Lebenssituationen nötig – wer Kinder hat denkt an die Zeit, in der man neben dem Kochen die ersten Berichte aus der Schule angehört, den Tisch gedeckt, angemahnt hat, die Jacke aufzuhängen und den Schulranzen nicht im Weg herumliegen zu lassen usw. usw.
Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen wird  auch häufig in der Klinik erwartet: während eines Telefonats beim Weiterverbundenwerden tippt man/frau rasch etwas in den Computer ein, registriert, dass es an der Tür geklopft hat und bittet herein, räumt noch rasch wichtige Papiere zur Seite, usw.usw.
Es tut gut, so fit und schnell zu sein, dass viele Aufgaben gleichzeitig erledigt werden können – aber es macht auch müde, es verwirrt, es lässt manchmal das Gefühl zurück, dass „gleichzeitig“ eben doch nicht immer gut ist, auch wenn in kurzer Zeit viel erledigt ist.
Dieses Bild aus den Rocky Mountains in Kanada ist auch ein Bild für „Gleichzeitigkeit“, aber in einem ganz anderen Sinn. Es ist ein ruhiges Bild, es macht nicht müde. Es verwirrt nicht, sondern lädt eher zum Staunen ein.
Gleichzeitig blühende Blumen und Schnee?
Gleichzeitig grünes Gras und Geröll?
Gleichzeitig lebensspendendes Wasser und karges Gebirge?
Ja – das ist alles gleichzeitig möglich. Auch im Leben.
 
Neulich haben wir in der onkologischen Tagesklinik im großen Zimmer in dem 5 Frauen liegen, die ihre Chemo bekommen, herzlichst gelacht.
Eine schwerkranke Frau erzählte mir, dass mit ihrer Erkrankung mehrere sehr liebe Menschen in ihr Leben getreten seien, und dass sie das sehr schätzen, ja sogar genießen kann.
Und eine andere erzählte von Gefährdungen und Bewahrungen ihrer Kinder – alles gleichzeitig.
Und ist es bei Gott nicht ebenso?
Gleichzeitig ist er allmächtig und gütig? Wie sollen wir das zusammenbringen? Wenn er gütig ist, kann er doch kein 13 jähriges Kind an Krebs sterben lassen?  Er hätte doch die Macht, das zu verhindern. Oder er ist eben nicht gütig. Oder nicht allmächtig.
 
Gleichzeitig. Nebeneinander. Es ist manchmal verwirrend, manchmal zum Staunen. Nicht erklärbar, wie Blumen blühen können, wenn es kalt genug für Schnee ist.
Nicht erklärbar, wie wir trotz der Bedrohung lachen können, trotz der Krankheit uns an menschlicher Nähe erfreuen können. Nicht erklärbar, wie Gottes Allmacht und Güte zusammen zu verstehen sind.
Gleichzeitig. Aber es ist anzuschauen und zu bestaunen.
 
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Pfarrerin 
Carola Längle (ev.)