Foto: Brunhilde Leyener (privat)

Weißt du, wo der Himmel ist?
von Brunhilde Leyener

„Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir!
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für."
                                                                                        Angelus Silesius*

In diesem Sommer besuchte ich die Kathedrale von Chartres in Frankreich. Mit meinen Augen konnte ich die mächtige Kirche kaum erfassen, die sich - im gotischen Stil erbaut - in den Himmel reckt. Im Inneren faszinierten mich die farbigen Glasfenster mit ihren unterschiedlichen Themen. Angetan hat es mir die Rosette mit den Fenstern darunter. Auf dem Bild oben sind noch  einige der Farben, hauptsächlich das Rot zu erkennen, aber schon dominiert eindeutig die Farbe Blau. Noch immer rätseln Kunsthistoriker, wie zur Bauzeit der Kathedrale es gelingen konnte, so einen  intensiven  Blauton zu erzeugen.  Das Chartres-Blau ist ein Begriff geworden.

Eine mich ergreifende Erfahrung habe ich mit diesem Fenster und seiner Farbe gemacht: ich habe mich rückwärts in Richtung Mitte der Kirche bewegt. Je weiter ich mich entfernte, umso eindeutiger wurden die Fenster blau. In der Vierung der Kathedrale, dort wo die Längs- und Querschiffe des Baus eine Mitte bilden und heute der Altar steht, sah ich nur noch blau – das Blau des Himmels. Dort, wo das Wort Gottes verkündet wird und das Gedächtnis an Jesu Tod und Auferstehung verkündet wird zeigt sich in der Rosette das Blau des Himmels.

In die Mitte muss ich gehen, in meine eigene, innere Mitte, um dem Himmel nahe zu sein, um Gott zu spüren und zu erfahren. Angelus Silesius hat diese Aufforderung vor nahezu 400 Jahren formuliert. Die eigene Mitte ist schwer zu finden, wenn die Gedanken in die Zukunft eilen, wenn der Alltag geschäftig ist, wenn keine Zeit bleibt, auch mal zurück zu schauen. Mit Abstand gewinnen die Farben des Lebens eine neue Tönung; in Ruhe zeigt sich manche Lebenserfahrung in einem neuen Licht.  Ein Gespür für die Größe und die Nähe Gottes zugleich kann sich auftun; das ahne ich seit meinem Besuch in Chartres.

 

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Pastoralreferentin
Brunhilde Leyener (kath.)

 

* Angelus Silesius, Der Cherubinische Wandersmann, I, 82. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Louise Gnädinger. Stuttgart 1985.
Quelle (abgerufen 18.09.2018): https://de.wikiquote.org/wiki/Angelus_Silesius